Kognitive Verzerrungen verändern die Wahrheit

Kognitive Verzerrungen: Die 5 größten Denkfehler unserer Psyche

Gestresste, emotional überforderte und vor allem Menschen, die traumatisiert sind, neigen häufiger dazu ihre Wahrnehmung und Bewertungen als Tatsachen zu betrachten. Dass sie sich auch irren könnten liegt in der Natur der Sache. Dass sich manche von Ihnen das nicht eingestehen wollen und missverstanden fühlen auch.  Die Psychologie bezeichnet diese Irrtümer als kognitive Verzerrungen. Diese systematischen Denkfehler der Psyche führen nicht selten zu irrationalen Überzeugungen und dysfunktionalen oder toxischen Verhaltensweisen.

In diesem Artikel werde ich mich auf die 5 häufigsten Denkfehler konzentrieren, die mir in meinem Leben und meiner Praxiserfahrung begegnet sind und zwar: willkürliche Schlussfolgerungen, dichotomes Denken, emotionale Beweisführung, Übergeneralisierung und Ich- Bezogenheit.  Aus meiner Sicht veursachen diese 5 Denkfehler den größten Schaden in der Psyche des Menschen und damit auch in der Gesellschaft. 

Was sind kognitive Verzerrungen?

Kognitive Verzerrungen beeinflussen unser Denken, unsere Entscheidungen und unsere Wahrnehmung der Welt um uns herum. Es ist ein bisschen zur Gewohnheit geworden, so scheint es, dass Menschen sehr schnell und voreilig reagieren.  Diese voreiligen Schnellschüsse sind mitverantwortlich für die teilweise doch besorgniserregenden Zustände in unserer Gesellschaft.

Immer mehr Menschen sind unzufrieden, das heißt im Unfrieden mit sich selbst. Ihre Gedanken sind alles andere als Zufriedenstellend. Statt jedoch bei sich selbst zu schauen, verorten sie die Ursache im Außen. Ihre Wahrnehmung ist häufig verzerrt, der Blick nach innen verwehrt, zu groß ist die Angst vor dem dahinter lauernden Schmerz.

Kognitive Verzerrungen basieren auf einem Mangel an Information

Wir leben in einer Welt der ständigen Reizüberflutung. Schneller, Weiter, Höher und so weiter. Der Raum den der Mensch sich nehmen könnte, um kurz inne zu halten, in sich hinein zu spüren und sich ggf. zu regulieren, kann oft nicht gehalten werden. Koreagulation, wie sie durch gute Zuhörer stattfinden könnte, ist seltener geworden. Wo wir bei einer der Ursachen für kognitive Verzerrungen schon angelangt sind, nämlich unaufmerksames und vor allem nicht wertfreies Zuhören.

Kognitive Verzerrungen sind folglich systematische Abweichungen von rationalem Denken, die auftreten, wenn Menschen Informationen verarbeiten und interpretieren. Sie entstehen aus der Art und Weise, wie unser Gehirn Informationen aufnimmt und bewertet.

Wenn wir also nicht aktiv und achtsam zuhören, dafür aber umso schneller bewerten, können wir nicht überprüfen ob das Verstandene tatsächlich dem entspricht, was in Wirklichkeit gesagt wurde. Möglicherweise entging uns sogar eine wichtige Information.

Kognitive Verzerrungen: Denkfehler der Psyche

Die 5 häufigsten kognitiven Denkfehler unserer Psyche

Als ich für mich herausgearbeitet habe, dass ich künftig mit Neurodivergenten Menschen arbeiten möchte und mit Menschen die unter einer Traumafolgestörung leiden, war mir klar, dass es ein Thema ist, was auch mich betrifft. Früher als ich selber noch akut betroffen war von ADHS, litt ich selbst unter meinen vielen verschiedenen Gedanken. Diese äußerten sich zumeist in willkürlichen Schlussfolgerungen, dichotonem Denken, emotionaler Beweisführung, Übergeneralisierung und extremer Ich- Bezogenheit. 

Im Rahmen meiner langjährigen Berufserfahrung begegnen mir häufig Menschen, die zur Etikettierung neigen. Vor allem der Narzissmusbegriff wird in meinen Augen überstrapaziert. Mir ist zwar bewusst, dass Betroffene von traumatischen Erfahrungen in der Kindheit eine Erklärung brauchen. Jedoch kann man meines Erachtens nur an sich selbst arbeiten. Das Problem wird nicht kleiner, wenn ich mich an jemand anderem abarbeite. Ich bin eher wieder nur im Außen, statt mir den Raum zu nehmen, den ich brauche um bei mir zu sein. 

Aus diesen Gründen habe ich mich für eben genannte 5 großen Denkfehler bzw. kognitive Verzerrungen entschieden. 

Willkürliche Schlussfolgerungen

Kognitive Verzerrungen können unser Urteilsvermögen und unsere Entscheidungs-findung erheblich beeinflussen und führen oft zu fehlerhaften und vor allem willkürlichen Schlussfolgerungen. Ein typisches Beispiel für eine kognitive Verzerrung dieser Art, ist die Werbung sogenannter „Coaches“. „Du musst dein Mindset ändern. Und wenn du das nicht schaffst, liegt es an dir, weil du gibst dir nicht genug Mühe“

Für mich persönlich bedeutet diese Aussage einfach nur purer Stress, gleichzeitig ist diese Behauptung eine willkürliche Schlussfolgerung, die ich übrigens toppen könnte. Ich könnte nämlich aufgrund dieser Aussage denken, dass weil ich mich nicht genug anstrenge, ich nicht nur nicht das richtige Mindset habe, sondern ebenfalls über mich denken dass ich faul oder inkompetent im Denken bin. Dass ist eine negative Grundannahme über mich selbst, ohne dass ich einen objektiven Beweis dafür habe.

Wie Gerüchte oder Vorverurteilungen entstehen

Gerüchte und Vorverurteilungen entstehen in erster Linie aus einem bestimmten Grund, nämlich dem Mangel an Information. Ähnlich ergeht es Menschen die bei Google nach Erklärungen für Krankheitssymptome suchen. Da werden Kopfschmerzen nicht selten für einen Gehirntumor gehalten, ohne vorher eine Untersuchung vornehmen zu lassen. Auch jemand, der nicht sofort auf eine Whatsapp Nachricht oder eine SMS antwortet, wird schnell als Ghost betitelt.

Diese Denkweise ist zwar legitim führt aber dazu, dass jemand Annahmen oder Urteile fällt, die nicht durch Fakten oder logische Argumente gestützt werden. Wenn dich jemand mal nicht grüßt, bedeutet das nicht, dass diese Person dich nicht mag. Du könntest dies aber denken und dadurch den Aufbau von tragfähigen Beziehungen selber sabtorieren. Ich bin mir sicher, dass dir das schonmal passiert ist, oder ich irre ich mich da?

Dichotomes Denken

Genauso verhält sich das mit dem Dichotomen Denken, auch bekannt als Schwarz- Weiß denken oder „Denken in Extremen“. Typisch für diese kognitive Verzerrungen ist das ständige einordnen in Kategorien. Entweder bist du mein Freund und für mich, oder du bist mein Feind und gegen mich. Zwischentöne kennen Menschen mit dieser Art zu denken nicht. Dinge werden als gut oder schlecht, richtig oder falsch, Erfolg oder Misserfolg wahrgenommen. 

Wer alles in Kategorien einsortiert, ist sich selten über seine eigenen Fähigkeiten bewusst. Selbst Konstruktive Kritik wird als vernichtend wahrgenommen. Ein typisches Beispiel ist die Einstellung „Wenn ich nicht perfekt bin, bin ich ein Versager.“ Diese extremen Einordnungen und Selbstabwertungen führen nicht selten dazu, dass Betroffene kaum in der Lage dazu sind, realistische Perspektiven zu entwickeln. 

Emotionale Beweisführung

Manche Menschen verlassen sich so sehr auf ihr Gefühl, dass sie nicht mehr in der Lage sind rationale Entscheidungen zu treffen. Auch objektive Fakten oder Tatsachen werden als falsch oder unwahr betitelt, sofern diese nicht mit den Gefühlen übereinstimmen, die diese Person hat. Da gehört der Gerechtigkeitssinn zweifelsohne zu. Denn nur weil sich für jemand etwas ungerecht anfühlt, heißt es nicht, dass es auch ungerecht ist. Stellt sich die Frage ob Menschen, die ihren Gerechtigkeitssinn als etwas positives betrachten, als gerecht empfinden. 

Ich kenne das noch von früher, dass wenn ich einen Raum betreten habe, ich oft das Gefühl hatte, dass hier dicke Luft sei. Ich bin zwar auch feinfühlig und durchaus empathisch, aber wenn ich von meinen Emotionen überflutet werde, kann ich nicht mehr klar denken. Aufgrund der dicken Luft, die ich früher wahrgenommen habe, ist es vorgekommen, dass ich mich auch entsprechend verhalten habe.

Diese aus dem Bauch heraus getätigten Handlungen führten nicht selten zu Grenzüberschreitungen, die dann wirklich dazu führen, dass dicke Luft herrschte. Emotionale Beweisführung führt oft zur sogenannten selbsterfüllenden Prophezeihung. Denn wenn ich mich meinen Gefühlen entsprechend handel, kommt es vor, dass ich bestätigt werde, selbst wenn ich das eigentlich gar nicht will. 

Übergeneralisierung

Wenn ich an meine Jugend denke und meine Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht, muss ich zweifelsohne an meine ersten Erfahrungen denken. Anfangs war ich noch mutig, jedoch auch unerfahren und unbeholfen. Und so war es auch nicht weiter verwunderlich, dass ich zwar als guter Seelentröster galt, der ein guter Zuhörer ist, jedoch war ich in den Augen vieler Frauen nicht Mann genug um ein Kandidat für eine Runde Hand in Hand über den Pausenhof. 

Ich habe mich bei einigen Mädchen meines Jahrgangs ins Zeug gelegt, doch wurden andere wieder mal bevorzugt. Und so ging ich von Körben aus. Und davon, dass Frauen alle gleich wären. Total oberflächlich, denn so dachte ich fast immer. Ich verallgemeinerte meine vorherigen Erfahrungen. Und fortan hatten auch Frauen, die mich dann doch gut fanden, einen schweren Stand, denn viel zu sehr hielt ich an den Verletzungen fest, statt neue Erfahrungen zuzulassen. 

Eine Übergenrealisierung liegt immer dann vor, wenn man aufgrund eines Ereignisses daraus schließt, dass es fortan für immer so sein wird. Das ist ganz typisch, ganz selbstverständlich und solange ich dies glaubte, war nie eine andere Erfahrung möglich.  

Personalisierung (Ich-Bezogenheit)

Passend zu meinen Überzeugungen für Frauen, die ich attraktiv fand, aber fortan nicht mehr ansprach, begab ich mich auch in die Opferrolle. Ich bezog alles auf mich. Ich nahm es persönlich oder gab mir dir Schuld. Wenn eine Frau zu mir sagte, ich sei nicht ihr Typ, machte ich daraus „ich bin hässlich“. Das war in dem Falle nicht nur eine ziemlich törichte Schlussfolgerung sondern auch sehr Generalisierend. Kein Wunder, dass ich Frauen anzog, die mir nicht gut taten. 

Ich nahm alles persönlich. Und es blieb nicht bloß bei für mich schlechten Erfahrungen mit Frauen. Ich zog mir jeden Schuh an. Wir verloren im Fußball, ich gab mir die Schuld. Beim Kajak fahren kenterten wir, klar dass ich mir Vorwürfe machte. Beim Jugendrotkreuzwettbewerb machte ein Betreuer einen Fehler, ich dachte ich hätte ihn verhindern können. Und als meine Großmutter an Leukämie starb, machte ich mich dafür verantwortlich, dass sie nicht gerettet werden konnte. Ich konnte entlastende Gegenargumente nicht zulassen. Ich beharrte darauf schuld zu sein.

Ich-Bezogenheit

Kognitive Verzerrungen zerstören Selbstwert und Beziehungen 

Wer sich für alles die Schuld gibt, macht sich zum Opfer. Wer jede Erfahrung übergeneralisiert oder willkürliche Schulssfolgerungen tätigt, verurteilt andere zu unrecht. Was vielen Betroffenen helfen könnte, wäre der Mut zur Selbstreflektion oder zum Realitätstest. Doch die wenigsten Betroffenen können sich eingestehen, dass sie mit ihrer Wahrnehmung daneben lagen oder einfach einen Denkfehler gemacht haben.

In vielen Beziehungen streiten die Protagonisten fast nur noch darum wer Recht hat. Empathie (achtsames Zuhören) hat da oft keinen Platz. Zu schnell sind Menschen aufgrund ihrer irrationalen Bewertungen verletzt. Und sofern eine Wahrnehmung in Frage gestellt wird, kommt schnell der Verdacht des Gaslightings auf.

Statt inne zu halten, sich Zeit zu nehmen für sich und sich zu regulieren, wird sich auf den anderen gestürzt. Denn wenn du nicht meiner Meinung bist, bist du gegen mich und wenn du gegen mich bist, bist du mein Feind und meine Feinde muss ich bekämpfen. 

Wie ich in der Einleitung schon erwähnte: Kognitive Verzerrungen sind mitverantwortlich für die Zustände, in der sich die Gesellschaft befindet. Jedoch liegt es an jedem allein, dazu beizutragen, diesen blöden Kampf ums Recht haben zu beenden. Wenn dich meine Arbeit interessiert und du lernen willst die Dinge künftig anders zu bewerten, schreib mir gerne eine Nachricht. 

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